
lenins staatsauffassung, dargestellt 1917 in der schrift "Staat und Revolution", wird heute oft noch als die marxistische staatsauffassung in der linken gehandelt. dabei wird ignoriert, das sie nicht nur in und nach der oktoberrevolution praktisch gescheitert ist, sondern auch durch und durch idealistisch ist. sie läßt sich einfach auf folgende punkte bringen: alle großen entscheidungen in der geschichte bedürfen der gewalt. "Die großen Fragen der politischen Freiheit und des Klassenkampfes werden letzten Endes nur durch Gewalt entschieden, und wir müssen für die Vorbereitung, für die Organisierung dieser Gewalt und für ihre aktive, nicht nur defensive, sondern auch offensive Anwendung Sorge tragen." (LAW I, s.542) die entscheidende frage in einer revolution ist die erringung der staatsmacht. ist man im besitz der staatsmacht, hat man alles. "Die Hauptfrage jeder Revolution ist zeifellos die Frage der Staatsmacht. welche Klasse die Macht in den Händen hat, das entscheidet alles." (LAW II, s.307) die macht der arbeiterklasse kann nur diktatorisch sein und wird durch die kommunistische partei ausgeübt. "In Wirklichkeit ist die 'Eroberung der Macht' durch die Sozialdemokratie eben die sozialistische Umwälzung und kann nichts anderes sein, wenn man diese Worte in ihrem direkten und landläufigen Sinne gebraucht." (ebd., s.543) die reale entwicklung im jahr 1917 verlief anders: alle großen entscheidungen dieses jahres verliefen ziemlich gewaltlos. der sturz des zarismus, die bildung der räte und die machtübernahme in der armee bedurften keiner großen gewalt. die alte staatsmacht war paralysiert und hilflos. durch den übertritt der soldatenmassen zu den räten musste die revolution keine gewalt anwenden wie auch der alte staat keine gewalt mehr anwenden konnte. zum hinausdrängen der bürgerlichen kräfte aus der provisorischen revolutionsregierung im april reichten demonstrationen aus. der kornilov-putsch, die versuchte anwendung von gewalt durch die konterrevolution, im juli 1917 wurde durch sabotage und überzeugung besiegt. und die machtübernahme der bolschewiken im oktober war ebenfalls fast gewaltlos. keine andere partei hatte noch eine idee, wie sie die regierung führen sollte, die massen waren müde und bereit, die neue macht zu unterstützen. es genügte vollauf, die forderungen der massen umzusetzen, um die oktoberrevolution zu sichern. die entscheidende frage bis zum oktober war also nicht die erringung der staatsmacht, sondern die überzeugung der massen. daran änderte sich auch nach dem oktober nichts. die probleme waren nach dem oktober die selben wie vorher. zur lösung dieser probleme half den bolschewiken die staatsmacht nicht, sie brauchten nach wie vor die überzeugung der massen. entscheidend war lediglich, dass die alten machthaber gestürzt waren und die staatliche gewalt nicht mehr gegen den strom der revolution gestellt werden konnte. ansonsten entschied der besitz der staatsmacht nichts. doch diese macht verführte die bolschewistischen führer im glauben, mit der staatsmacht alles erreichen zu können, dazu, sofort den sozialismus von oben als staatliche organisation und erziehung der massen einführen zu können. das führte zum bürgerkrieg und dem rückzug mit der neuen ökonomischen politik (NÖP - die bauern durften wieder einen teil der ernte frei verkaufen) im jahr 1921. gegen die überwältigende masse der bauern konnte man keinen sozialismus durchsetzen, auch mit noch soviel staatlicher gewalt. trotz aller macht und gewalt musste man den bauern nach dem kronstädter aufstand nachgeben. die illusionäre anwendung der staatsgewalt zur direkten einführung des sozialismus von oben führte nur zu einer enormen wirtschaftlichen und sozialen zerrüttung, zerstörungen, die man mühsam nach 1921 wieder revidieren musste. zur darstellung dieser zerstörungen seien uns zwei ausführliche zitate erlaubt: "Die Bevölkerung hatte unter ständigem Hunger und im Winter außerdem unter entsetzlicher Kälte zu leiden. Den Bewohnern Moskaus stand nur ein Siebentel der Kalorien zur Verfügung, die in Deutschland während des ersten Weltkriegs durch das Rationierungssystem verteilt wurden. Unterernährung und Hungertod bildeten unter solchen Umständen alltägliche Erscheinungen. Da das vorhandene Holz als Brennstoff für die Industrie benötigt wurde, blieben selbst bei schlimmster Kälte die meisten Wohnungen unbeheizt. Epidemien wie Cholera und vor allem Typhus waren weit verbreitet. Derartige Lebensbedingungen machten die Menschen zum größten Teil arbeitsunfähig. Sie flohen aufs Land, das noch am ehesten eine Existenzmöglichkeit bot, so daß sich die großen Städte entvölkerten. Als der Bürgerkrieg um die Jahreswende 1919/20 zunächst beendet und die Sowjetmacht gefestigt war, stand das Land am Abgrund. Die 'Pravda' schrieb: 'Die Arbeiter der Städte und zum Teil auch der Dörfer krümmen sich vor Hunger. Die Eisenbahnen rücken kaum vom Fleck. Die Häuser verwittern und verfallen. Die Städte sind voler Unrat. Epidemien breiten sich aus, und der Tod holt überall seine Opfer. Die Industrie ist zugrunde gerichtet." (Fischer Weltgeschichte Bd. 31, s.292f.)"Der Versuch, nach den immensen Verlusten des Bürgerkrieges die Politik des Kriegskommunismus fortzusetzen, führte schließlich (...) im Winter 1920/21 zur wirtschaftlichen Katastrophe. Die meisten Werke und Fabriken standen entweder völlig still, oder sie arbeiteten nur noch wenige Tage im Monat. Die Produktion der Großindustrie erreichte gerade ein Siebentel ihres früheren Umfangs. Die Roheisengewinnung entsprach der Ausbeute zur Zeit Peters I. (um 1700); in ganz Rußland war kaum ein Hochofen in Betrieb. Soweit die Fabrikarbeiter nicht zur Roten Armee eingezogen oder vor dem Hunger aufs Land geflohen waren, stellten sie während der Arbeitszeit überwiegend Gegenstände des persönlichen Bedarfs her, um sie dann bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Auch in der Landwirtschaft sank die Produktion weit unter dem Stand von 1913. Die Ernteerträge gingen um fast ein Drittel zurück, so daß nicht einmal mehr – gemessen an den Vorkriegsnormen – der bäuerliche Eigenbedarf befriedigt werden konnte. Die Produktion des Kleingewerbes war um durchschnittlich zwei Drittel zurückgegangen. Das Eisenbahnsystem lag vollkommen darnieder. Es handelte sich um einen Rückgang der Produktivkräfte, wie er 'kein Beispiel in der Geschichte der Menschheit findet' (so der zeitgenössische Bolschewik Kricman ...).
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