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wie lenins parteikonzeption sich 1917 blamierte


"Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden Rußland aus den Angeln heben!" (LAW I, s.254)

am umfassendsten stellte lenin seine parteikonzeption wohl in der schrift "Was tun?" von 1902 dar. sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: der sozialismus ist eine wissenschaft. diese kann nur von einzelnen - in der regel intellektuellen - gelernt werden. die arbeiter entwickeln spontan nur ein gewerkschaftliches ("trade-unionistisches") bewußtsein. gewerkschaftliches bewußtsein ist aber bürgerlich, es dreht sich nur um den besseren verkauf der ware arbeitskraft, nicht um den umsturz der gesellschaft. deswegen muss man das sozialistische, revolutionäre bewußtsein wie überhaupt einen weiteren politischen horizont von außen in die arbeiterbewegung tragen. man muss die arbeiter aufklären über ihre lage und ihre aufgaben. was lenins modernen wiederkäuer heute gerne verschweigen, ist die tatsache dass dieser kerngedanke vom "Renegaten Kautsky" stammt, der in "Was tun?" ausführlich zitiert wird.

um die "arbeiter aufzuklären" bedarf es der partei, in der durch wissenschaft und pflichtgefühl die klassenherkunft vernachlässigbar wird. diese "partei neuen typs" hat laut lenin eine unmenge von aufgaben:

  • sie analysiert die wirklichkeit, entwirft ein programm und entscheidet in theoretischen streitfragen über wahr und falsch.
  • sie schult ihren nachwuchs zu ergebenen berufsrevolutionären.
  • sie erzieht, organisiert und lenkt die arbeiterklasse.
  • sie leitet den gewerkschaftlichen kampf.
  • sie organisiert und leitet auch alle anderen kämpfe der anderen klassen für den fortschritt.
  • sie führt den aufstand in der revolution.
  • sie vertritt die arbeiterklasse in der diktatur des proletariats.

zu diesem zweck braucht sie eine zentralistische organisation, eine klare arbeitsteilung, führerpersönlichkeiten und die unnachgiebige bestrafung von "verrätern". sie ist als bewußtes element im klassenkampf der träger der marxistischen weltanschauung. deshalb braucht sie vor allem ein zentralorgan, eine zeitung, die nicht nur propagandist und agitator, sondern auch organisator der partei ist.

der aufstand – die theorie

höchste bewährungsprobe dieser partei ist natürlich der aufstand selbst, den der marxismus nach lenin als eine kunst betrachtet:

"Das Netz von Agenten hingegen, das sich bei der Arbeit für die Schaffung und Verbreitung der gemeinsamen Zeitung von selbst bildet, brauchte nicht 'zu sitzen und zu warten', bis die Losung zum Aufstand ausgegeben wird, sondern es würde gerade eine solche regelmäßige Arbeit leisten, die ihm im Moment des Aufstands mit größter Wahrscheinlichkeit den Erfolg sichert. Gerade eine solche Arbeit würde unbedingt die Verbindung mit den breitesten Massen der Arbeiter und mit allen Schichten, die mit der Selbstherrschaft unzufrieden sind, festigen, was für den Aufstand von so großer Wichtigkeit ist. Gerade in einer solchen Arbeit würde sich die Fähigkeit herausbilden, die allgemeine politische Lage richtig einzuschätzen, und folglich auch die Fähigkeit, den für den Aufstand passenden Moment zu wählen. Gerade eine solche Arbeit würde alle lokalen Organisationen daran gewöhnen, gleichzeitig auf dieselben, ganz Rußland bewegenden politischen Fragen, Vorkommnisse und Vorfälle zu reagieren, auf diese 'Vorfälle' möglichst energisch, möglichst einheitlich und zweckmäßig zu antworten – denn der Aufstand ist doch im Grunde genommen die energischste, einheitlichste und zweckmäßigste 'Antwort' des gesamten Volkes an die Regierung. Gerade eine solche Arbeit würde endlich alle revolutionären Organisationen an allen Ecken und Enden Rußlands dazu anhalten, ständige und gleichzeitig strenge konspirative Verbindungen zu unterhalten, die die faktische Einheit der Partei schaffen – ohne diese Verbindungen aber ist es unmöglich, den Plan des Aufstands kollektiv zu beraten und am Vorabend des Aufstands die notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen, über die das strengste Geheimnis gewahrt werden muß." (ebd., s.301f.)

der aufstand – die praxis

aber wie verhielt sich die angebliche führeravantgarde der bolschewiken wirklich bei der vorbereitung und durchführung des oktoberumsturzes? als lenin während der februarrevolution 1917 in der schweiz einen den neuen bedingungen angepaßten plan entwickelt, sitzen und warten die herausgeber der zeitung in rußland, ohne zu wissen, wie sie auf die aktion der massen, die schaffung der räte, reagieren sollen. von der fähigkeit, die politische lage richtig einzuschätzen, keine spur. von breitester verbindung mit den massen auch nicht. erst nach seiner rückkehr aus dem exil (im april 1917) schafft es lenin in langen diskussionen, in der partei seine "aprilthesen" durchzusetzen.

aber er selbst hat schwierigkeiten mit der (auch von bolschewiken vertretenen) losung "alle macht den räten". die räte wollten bis zum oktober selbst bei einer bolschewistischen mehrheit der delegierten keine herrschaft der partei. lenin geht es nicht um rätemacht, sondern um parteiherrschaft: "Für uns sind die Sowjets nicht als Form wichtig, uns ist wichtig, welche Klassen diese Sowjets vertreten." (LAW II, s.94)

auch mit dem richtigen moment des aufstands gibt es probleme. seit september fordert lenin den aufstand, aber die berufsrevoltionären führer zögern. nur durch drohung kann lenin das zentralkomitee im oktober zu einem entschluss drängen, doch papier ist geduldig. zwei führer (sinowjew und kamenew) halten auch nicht viel von strengster konspiration und geheimhaltung, als sie den plan zum aufstand in einer nicht-bolschewistischen zeitung veröffentlichen. konsequente bestrafung bleibt ihnen aber erspart. die wirkliche machtübernahme führt dann nicht die partei durch, sondern das militärische verteidigungskomitee des petersburger sowjets mit trotzki als vorsitzenden. in wirklichkeit ergreift nicht die partei, sondern eine militärorganisation des arbeiter- und soldatenrates die macht, unter führung einer persönlichkeit, die lenin bis zum februar in den parteiauseinandersetzungen immer bekämpfte und die von dem "wissenschaftlichen" programm der partei nicht überzeugt war. lenin konnte sich in der partei nur unter dem druck der massen und neu zuströmenden parteimitglieder durchsetzen. während die arbeiter also zum sozialismus drängten, ein sozialistischen bewußtsein ausbildeten, tat sich die "bewußte" partei schwer, ihr altes programm der bürgerlichen revolution zu verabschieden.

die patei nach dem aufstand...

diese völlige blamage seiner parteitheorie im oktober 1917 veranlaßt lenin aber nicht, sein konzept zu überdenken. denn als machtmittel im besitz des staates erwies sich die partei als sehr nützlich. was immer man von lenins parteikonzept abstarkt hält, ob man es für gut oder schlecht erachtet, in der wirklichkeit des oktobers bewies es seinen idealistischen, wirklichkeitsfernen charakter. wohingegen die organe der unbewußten massen, die räte (von lenin in "Was tun?" als primitive demokratie, der partei untergeordneten), die realität richtiger erfassen. die partei funktioniert am besten im besitz der staatsmacht als exekutive und als karrieremittel. als träger der wissenschaftlichen wahrheit, lenker der volksmassen und führer des aufstands versagt sie völlig.