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das praktische scheitern
lenins imperialismustheorie


oft werden als entschuldigung für die unvorteilhafte entwicklung des sozialismus in russland die unentwickelten gesellschaftlichen verhältnisse angeführt. doch die damaligen "führer" der revolution waren sich im vornherein über diese ungünstigen bedingungen bewußt. deshalb hielten die sozialisten vor dem ersten weltkrieg die entwicklung des kapitalismus als voraussetzung für eine sozialistische revolution für notwenig. und deshalb strebte man zuerst eine bürgerlich-demokratische revolution an, die dem kapitalismus den weg bereiten sollte:

"Die Marxisten sind vom bürgerlichen Charakter der russischen Revolution unbedingt überzeugt. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß jene demokratischen Umgestaltungen, die für Rußland notwendig geworden sind, an und für sich nicht nur keine Untergrabung des Kapitalismus, keine Untergrabung der Herrschaft der Bourgeoisie bedeuten, sondern daß sie umgekehrt zum erstenmal gründlich den Boden für eine breite und rasche, europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitaismus säubern, daß sie zum erstenmal die Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse ermöglichen werden." (LAW I, s. 558)

die sozialistische revolution der arbeiterklasse stand also für lenin auf absehbare zeit nicht auf der tagesordnung. erst im laufe des ersten weltkriegs änderte lenin mit der ausarbeitung seiner imperialismustheorie diese auffassung. so schrieb er am 28.9.1914 (also knapp zwei monate nach kriegsbeginn): "In allen fortgeschrittenen Ländern dagegen stellt der Krieg die Losung der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung; (...)" (LAW I, s.751) der hauptgedanke dieser theorie lautet: der kapitalismus beherrscht die welt - aber hat sich bereits überlebt und ist am ende. die sozialistische revolution steht jetzt in den entwickelten ländern auf der tegesordnung. und wegen des globalen imperialismus steht der sozialismus damit auch weltweit an. nur eine sozialistische revolution kann den weltkrieg beenden, den der kapitaismus begonnen hat. "Man kann nicht aus dem imperialistischen Krieg herausspringen, man kann einen demokratischen, nicht auf Gewalt basierenden Frieden nicht erzielen ohne den Sturz des Kapitals, ohne den Übergang der Staatsmacht an eine andere Klasse, das Proletariat." (LAW II, s.60f.) so könne die russische revolution trotz aller rückständigen verhältnisse als fanal für eine sozialistische revolution in europa wirken. deshalb könne russland mit der sozialistischen revolution beginnen, und muss nicht erst das bürgerliche stadium durchlaufen. lenin drückt das 1917 vor seiner abreise ins zarenreich so aus:

"Rußland ist ein Bauernland, eines der rückständigsten europäischen Länder. Der Sozialismus kann in Rußland nicht sofort und unmittelbar siegen. Aber der bäuerliche Charakter des Landes kann angesichts des unangetastet gebliebenen riesigen Grundbesitzes der adligen Grundherren - aufgrund der Erfahrungen von 1905 – der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland eine gewaltige Schwungkraft verleihen und aus unserer Revolution ein Vorspiel der sozialistischen Weltrevolution, eine Stufe zu dieser Revolution machen." (LW 23, s.384/5)

diese vorstellung von der russischen revolution als beginn der sozialistischen weltrevolution bestimmte das verhalten der bolschewistischen parteiführer nach der oktoberrevolution 1917. man meinte, mit der verwirklichung des sozialismus ohne rücksicht auf die unentwickelten bedingungen und die große masse der bauern beginnen zu können. zur rechtfertigung der fatalen politik des "kriegskommunismus" (der versuch, durch gewaltsame getreiderequirierung und verstaatlichung der industrie warenproduktion und geld abzuschaffen) griff lenin auf seine theorie der bevorstehenden weltrevolution zurück. beispielsweise im juli 1918:

"Die russische Revolution ist lediglich einer der Trupps der internationalen sozialististischen Armee, von deren Aktion der Erfolg und Triumph der von uns vollzogenen Umwälzung abhängt." (LW 27, s.547)

dabei besaß man keine klare ansicht davon, wie eine eventuell siegreiche sozialistische revolution in europa die bauernmassen zum sozialismus führen sollte. dieses manko fiel aber auch nicht auf, denn die sozialistische weltrevolution blieb aus. selbst die bescheidenen versuche in bayern und ungarn waren erfolglos. nicht die bürgerlichen republiken wurden durch sozialistische revolutionen gestürzt. gestürzt wurden die anderen absolutistischen kaiserreiche europas: deutschland, habsburg und das osmanische reich. die russische "sozialistische" revolution blieb allein. die bürgerlichen demokratien beendeten den krieg auf ihre art - aber sie beendeten ihn.

der angeblich verfaulende kapitalismus erlebte nach dem zweiten weltkrieg einen ungeahnten aufschwung, statt der von lenin erwarteten allgemeinen reaktion demokratisierte sich die welt zunehmend bis zum ende des jahrhunderts.

nach dem hier skizzierten praktischen scheitern der imperialismustheorie (die ausbleibende weltrevolution), muss auch deren theroretische begründung, die lenin im vergleich zu seinen modernen nachfolgern durchaus hatte, angezweifelt werden. lenin betrachtete den imperialismus als die "höchste entwicklungsstufe des kapitalismus", als "verfaulenden kapitalismus", der bald zusammenbrechen würde und keine entwicklungsmöglichkeiten mehr hätte. kolonialismus, weltmarkt, monopole und das alles beherrschende finanzkapital haben die welt (einschliesslich der noch nicht kapitalistisch entwickelten teile) in einen weltkrieg getrieben, der nur durch die sozialistische weltrevolution beendet werden könne.

doch anstatt die fehler dieser imperialismustheorie zu analysieren und sich von ihr konsequent zu verabschieden, wurde sie in ihren grundaussagen allgemeingut der linken. mit dieser schon zu beginn des letzten jahrhunderts gescheiterten theorie muss sich die linke nicht über ihre permanente erfolglosigkeit wundern.