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kropotkins

marxismuskritik


das verhältnis von marxismus zu anarchismus scheint seit mehr als 150 jahren geklärt zu sein. betrachtet man die einzelnen "vertreter" dieser "richtungen" genauer, ergeben sich sowohl interessante übereinstimmungen zwischen der mehrzahl der anarchisten und marxisten wie überraschende unterschiede zwischen marx und den marxisten einerseits und kropotkin und "den" anarchisten andererseits.

1896 hielt der als russischer anarchist bekannte geograph, mathematiker und gesellschaftskritiker kropotkin einen vortrag in london, in dem er seine vorstellungen über anarchie und sozialismus darlegte. in diesem text kritisiert er nicht nur das, was er als marxismus der ersten und zweiten internationale wahrnahm, sondern auch die grossen anarchisten proudhon, stirner und bakunin. zusammenfassend äusserte er:
"Staatlicher wie theokratischer Kommunismus erfüllen den Arbeiter mit Widerwillen. Und dieser Widerwille ließ in der Internationalen eine neue Vorstellung oder Doktrin entstehen, den Kollektivismus. Diese Doktrin bedeutete anfangs: Kollektivbesitz der Arbeitsgeräte (ohne das für das Leben Notwendige einzubegreifen) und das Recht jeder Gruppe, für ihre Mitglieder einen ihr genehmen kommunistischen oder individuellen Modus der Entlohnung anzunehmen. Indessen hat sich dieses System nach und nach in eine Art Kompromiß zwischen Kommunismus und individueller Lohnzahlung verwandelt. Heute verlangt der Kollektivist, daß alles, was der Produktion dient, Gemeineigentum werde, daß aber trotzdem jeder individuell mit Arbeitsgutscheinen entlohnt werde, entsprechend der Anzahl Stunden, die er für die Produktion aufgewendet hat. Diese Gutscheine sollen dazu dienen, in den Sozialwarenhäusern alle Waren zum Herstellungspreis zu kaufen, der ebenfalls nach Arbeitsstunden berechnet wird."
bei lektüre der dokumente der zweiten internationale kann man kropotkin nur recht geben. diese vorstellung der ökonomischen grundlagen des sozialismus war damals vorherrschend. inwieweit die religiösen oder staatlichen begründungen des kommunismus die arbeiter zu dieser zeit mit widerwillen erfüllten, sei dahingestellt. staatsvergottung und persönlichkeitskult in der 2. wie 3. internationalen kann man millionen menschen kaum von oben ins hirn manipulieren. jedenfalls war die vorstellung der produktivgenossenschaften, die waren untereinander zu ihrem wert austauschen, unter den vorwiegend handwerklich geprägten arbeitern sehr beliebt, sowohl in frankreich wie in england als auch in deutschland.

"Der Gedanke ist, wie Sie wissen, alt. Er stammt von Robert Owen. Proudhon verkündete ihn im Jahre 1848. Heute ist daraus der 'wissenschaftliche Sozialismus' geworden." kropotkin behauptet, diese gesellschaftsutopie sei den anarchisten mit dem wisssenschaftlichen sozialismus gemeinsam. auch hier ist er im recht. unter wissenschaftlichen sozialismus firmierten die theorien der 2. internationale. Und wissenschaftlichen sozialismus nannte proudhon seine theorie schon 1843. bakunin legte proudhons grundgedanken seiner utopie, die er kollektivismus nannte, zugrunde.
aber damit der gemeinsamkeiten noch nicht genug. lenin machte diese utopie der warenproduktion als sozialismus in seiner schrift "staat und revolution" mit seiner behauptung der ersten warenproduzierenden nachrevolutionären phase zur grundlage der sozialismusvorstellungen der dritten internationale. diese politik, den kapitalismus abschaffen zu wollen bei erhaltung der warenproduktion, scheiterte 1989/91 endgültig. insofern scheiterten bei dieser epochenwende anarchisten und marxisten gemeinsam, aus demselben grund.

kropotkin kritisierte an diesem ziel des revolutionären kampfes zweierlei. erstens missfiel ihm, dass auch in einer solchen gesellschaft der wert grundlage der ökonomischen beziehungen sein soll. zweitens bemerkte er, dass die lohnarbeit in einer solchen gesellschaft nicht aufgehoben wäre und damit auch nicht die sie begleitenden übelstände.
mit dieser kritik ist kropotkin nicht so allein, wie er vermutete. marx kritisierte diesen handwerkersozialismus mehrfach, z.b. in seiner proudhonkritik "das elend der philosophie" 1847, in dem geldabschnitt der "kritik der politischen ökonomie" 1859 oder in den "randglossen zum programm der deutschen arbeiterpartei".

(>> siehe hintergrundinformationen)

es ergibt sich das überraschende resultat, das 1896 ein anarchist marxisten und anarchisten gleichzeitig kritisiert und dabei nicht bemerkt, dass derselbe punkt jahrzehnte vorher schon von marx kritisiert wurde. man muss daraus mehreres schliessen:
erstens kannte kropotkin – leider – marx nicht im original.
zweitens vertraten die marxisten eine andere vorstellung von kommunismus als marx selbst.
drittens: kropotkin kritisiert diesen marxismus gemeinsam mit marx.
viertens vertrat die mehrzahl der marxisten und anarchisten die selbe utopie der grundlagen des sozialismus.

>> hintergrundinformationen: marx über sozialismus und warenproduktion