
I.zur oktoberrevolution in rußland schrieb der italienische kommunist antonio gramsci 1917: "sie
ist die revolution gegen das kapital von karl marx. das kapital von marx war in rußland ein buch
des bourgeois, weniger ein buch der proletarier. es war die kritische demonstration der
schicksalhaften notwendigkeit, daß sich in rußland eine bourgeoisie entwickeln würde, daß eine
kapitalistische ära beginnen, eine zivilisation westlichen typus entstehen würde, bevor das
proletariat überhaupt an seine erhebung, an seine forderungen als klasse, seine revolution
denken könne." (gramsci, s. 24) II.so wie die oktoberrevolution eine revolution gegen das marxsche kapital war, so hat die
herausbildung des revolutionären flügels im auslauf der jugend- und studentenbewegung
ebenfalls gegen das kapital von marx stattgefunden. die jugend- und studentenbewegung
scheiterte in ihren spontanen aktionen (springerblockade, justizkampagne) und gewann die
einsicht, dass sie auf sich allein gestellt, die gesellschaft nicht verändern konnten. die spontanen
streiks der arbeiter in der schwerindustrie an saar und ruhr und das vorbild der chinesischen
kulturrevolution, bewirkten eine hinwendung zu den prinzipien der oktoberrevolution. die dabei
auftretenden differenzen führten zur spaltung dieser bewegung in einen revolutionären und
einen kleinbürgerlich-sozialistischen flügel. die hinwendung zum proletariat als dem
revolutionären subjekt und die leninsche partei als grundlegendes organisationsprinzip waren
die beiden hauptgesichtspunkte der herausbildung des revolutionären flügel, der ml - bewegung,
aus der jugend- und studentenbewegung. III.
der gegensatz der marxschen theorie und den theorien der oktoberrevolution ("leninismus") ist
der eigentliche kernpunkt der problematik der übernahme der theorien der 20er und 30er jahre
(iii. internationale) durch die ml-bewegung. lenins partei-, staats- und revolutionstheorie, sowie
die imperialismustheorie und die faschismustheorie waren und sind die grundlage der politik der
alten linken (dkp, reste der ml-bewegung und teile der pds) in deutschland. IV.
die sozialökonomische entwicklung deutschlands seit dem 2. weltkrieg ist gekennzeichnet durch
eben diesen untergang der alten mittelklassen - der bauernschaft und des selbständigen
handwerks - und die entstehung der neuen, lohnabhängigen mittelschichten. dieser prozeß ist
für deutschland im wesentlichen abgeschlossen. entsprechend dieser entwicklung spielen auch
die sozialen und politischen kämpfe, programme und theorien der ersten hälfte dieses
jahrhunderts, für die beurteilung der heutigen ökonomischen und politischen probleme keine rolle
mehr. V.begleitet wird dieser soziale umwälzungsprozeß vom untergang der alten klassenparteien und dem niedergang der volksparteien und verbände (gewerkschaften) sowie ihrer programme und ideologien. wachsende austritte kleiner und mittlerer unternehmen aus den kapitalverbänden, mitgliederverluste der gewerkschaften und politischen parteien, jeweils vorallem im osten deutschlands sind symptome dieser entwicklung. die tendenz zu "amerikanischen" wahlbeteiligungen, wachsende zahl von parteiungebundenen wechselwähler, sowie wahlentscheidungen auf dem boden individueller interessen ist die andere seite dieser entwicklung. die bürgerliche gesellschaftsordnung erscheint als normalfall, als das ende der geschichte, wo es nur noch darum geht sich als bürgerliches individuum seinen platz innerhalb dieser ordnung zu sichern. als den zugespitzten ausdruck dieser entwicklung kann man eine massenbewegung der 90er jahre bezeichnen: die "love parade" in berlin. sie verzichtet auf die illusion, träger eines formulierbaren, theoretisch schlüssigen, durchdachten, zukunftsweisenden programms zu sein. sie bildet keine gemeinschaft, um ziele durchzusetzen. ihr ziel ist es, eine gemeinschaft zu bilden. das bürgerliche individuum, das seinen inhalt einzig in sich selbst findet, kann sich nur in einer inhaltsleeren gemeinschaft treffen. VI.in der ersten hälfte dieses jahrhundert formierten sich die massen auf dem boden ihrer unterschiedlichen sozialen interessen, in sich bekämpfenden politischen parteien und programmen, die im wesentlichen direkter und unmittelbarer ausdruck dieser ihrer sozialen interessen waren. anders ist dies in der geschichte der brd. die entwicklung von der 68er - bewegung über die friedensbewegung der 80er - jahre bis hin zur "love parade" der 90er jahre als massenbewegungen vorallem der neuen, lohnabhängigen mittelschichten und der jugend haben eine tendenz zum unpolitischen, der entpolitisierung von teilen des volkes, vorallem der jugend. hinter dieser tendenz steht die soziale und materielle einbindung der massen dieser schichten in die bürgerliche gesellschaftsordnung, entweder durch einbindung in den gesellschaftlichen arbeitskörper (entwicklung des bildungssektors, dienstleistungsektors etc.) oder über den verteilungsstaat. mit diesem ankommen ihrer sozialen basis in die bürgerliche gesellschaftsordnung, sind die kerntruppen der alt - linken aus der 68er- und friedensbewegung heute zu einer kasematte, zu einem hegemonialen apparat des bürgerlichen staates gegen die arbeiterklasse geworden. VII.
die politischen ereignisse der letzten jahre zusammenfassend, kann man feststellen, daß eine
bestimmte form der bürgerlichen hegemonie, mit dem verteilungsstaat als kern, über die
arbeiterklasse und die übrigen werktätigen deutliche risse bekommen hat. die ersten 40 jahre
der republik waren jahrzehnte der stetigen prosperität und ein über diese vermittelte feste
einbindung der massen, vorallem der arbeiterklasse, in die bürgerliche gesellschaftsordnung und
den bürgerlichen staat. VIII.
im zentrum steht deshalb die frage der wissenschaftlichen grundlage der revolutionstheorie und
des kommunismus: das kapital oder der imperialismus als höchstes stadium des kapitalismus.
der grundlegende fehler der imperialismustheorie lenins, ist, daß der kapitalismus als eine auf
gesetzen beruhende produktionsweise verschwunden ist und an seine stelle die allmacht der
monopolisten tritt. dieser fehler hat bei lenin zwei hauptsächliche erscheinungsformen. ersten
die behauptung, daß die warenproduktion als grundlage der kapitalistischen produktionsweise
bereits untergraben sei und zweitens, daß die freie konkurrenz abgelöst wird durch das monopol,
welches als "tiefste ökonomische grundlage" des neuen, monopolistischen stadiums des
kapitalismus angesehen wird. an die stelle des wertgesetzes als regulator der auf dem
kapitalverhältnis beruhenden produktionsweise, tritt somit das herrschaftsverhältnis und die
damit verbundene gewalt. |
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