Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

zur junius-broschüre

 zu beginn des ersten weltkriegs sollte sich zeigen, wessen geistes kind die deutsche arbeiterbewegung war. der zustimmung zu den kriegskrediten wird durch ihre begründung in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen presse ein historisches dekmal gesetzt, ein denkmal über den charakter der deutschen arbeiterbewegung in der ersten hälfte des letzten jahrhunderts.

rosa luxemburg gab in ihrer junius-broschüre interessante einblicke in diesen ständischen unmodernen sumpf.

eingangs zitiert sie die begründung der reichstagsfraktion für die bewilligung der kriegskredite:

>>Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel... Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen... Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.<<

wider besseren wissens spricht man von einem verteidigungskrieg. man spricht von "volk" und "dem blute der besten des eigenen volkes", man spricht von "kultur" und "vaterland".

es geht nicht einmal um bürgerliche nation, bürgerliche zivilisation. dieses volk sind die preussischen untertanen, die keine bürgerliche revolution auf die reihe kriegten, diese kultur ist übernommen aus dem preussischen absolutismus, diese vaterland steht unter der herrschaft des preussischen adels, der junker.

dabei handelt es sich nicht um "verrat der führer", wie luxemburg nachweist anhand von zitaten aus partei- und gewerkschaftsprvinzblättern:

Die sozialdemokratische >>Chemnitzer Volksstimme<< schrieb am 2. August:

>>In diesem Augenblick empfinden wir alle die Pflicht, vor allem anderen gegen die russische Knutenherrschaft zu kämpfen. DEUTSCHLANDS FRAUEN UND KINDER SOLLEN NICHT DAS OPFER VON RUSSISCHEN BESTIALITÄTEN WERDEN, DAS DEUTSCHE LAND nicht die Beute der Kosaken. Denn wenn der Dreiverband siegt, wird nicht ein englischer Gouverneur oder ein französischer Republikaner, sondern der Russenzar über Deutschland herrschen. Deshalb verteidigen wir in diesem Augenblick alles, was es an DEUTSCHER KULTUR und deutscher Freiheit gibt, gegen einen schonungslosen und barbarischen Feind.<<


Die >>Fränkische Tagespost<< rief am gleichen Tage:

>>Wir wollen nicht, daß die Kosaken, die alle Grenzorte schon besetzt haben, in unser Land hineinrasen und in unsere Städte Verderben tragen. Wir wollen nicht, daß der russische Zar, an dessen Friedensliebe selbst am Tage des Erlasses seines Friedensmanifestes die Sozialdemokratie nicht geglaubt hat, der der ärgste Feind des russischen Volkes ist, gebiete über EINEN, DER DEUTSCHEN STAMMES ist.<<


Die >>Frankfurter Volksstimme<< schrieb schon am 31. Juli:

>>Die deutsche Sozialdemokratie hat seit langem das Zarentum bezichtigt als den blutigen Hort der europäischen Reaktion, seit der Zeit, da Marx und Engels mit geschärften Blicken jede Bewegung dieses barbarischen Regiments verfolgten, bis heute, wo es die Gefängnisse mit politischen Verbrechern füllt und doch vor jeder Arbeiterbewegung zitert. NUN KÄME DIE GELEGENHEIT, UNTER DEN DEUTSCHEN KRIEGSFAHNEN MIT DIESER FÜRCHTERLICHEN GESELLSCHAFT ABZURECHNEN.<<


Die >>Pfälzische Post<< in Ludwigshafen am gleichen Tage:

>>Das ist ein Grundsatz, den UNSER UNVERGESSLICHER AUGUST BEBEL prägte. Es gilt hier den KAMPF DER KULTUR GEGEN DIE UNKLUTUR, da stellt auch das Proletariat SEINEN MANN.<<


Das Hallesche >>Volksblatt<< am 18. August:

>>Nun aber die eisernen Würfel ins Rollen gekommen sind, nun ist es nicht nur die Pflicht der Vaterlandsverteidigung, der nationalen Selbsterhaltung, die uns, wie allen anderen Deutschen, die Waffe in die Hand drückt, sondern auch das Bewußtsein, daß wir mit dem Feind, gegen den wir im Osten kämpfen, zugleich den Feind allen Fortschritts und aller Kultur bekämpfen... Die Niederlage Rußlands ist zugleich der Sieg der Freiheit in Europa.<<

der sieg des preussischen junkertums, dessen kultur sich nicht wesentlich abhabt vom zarismus?


Der Braunschweiger >>Volksfreund<< vom 5. August schrieb:

>>Der unwiderstehliche Druck der militärischen Gewalt zieht alle mit sich fort. Aber die klassenbewußten Arbeiter folgen nicht nur äußerer Gewalt, sie gehorchen IHRER EIGENEN ÜBERZEUGUNG, wenn sie DEN BODEN, auf dem Sie stehen, vor dem EINBRUCH DES OSTENS verteidigen.<<


Die Essener >>Arbeiterzeitung<< rief schon am 3. August:

>>Wenn jetzt dieses Land durch Rußlands Entschließungen bedroht wird, dann werden die Sozialdemokraten angesichts der Tatsache, daß der Kampf dem russischen Blutzarismus, dem millionenfachen Verbrecher an Freiheit und Kultur, gilt, an PFLICHTERFÜLLUNG UND OPFERWILLIGKEIT sich von keinem im Lande übertreffen lassen... Nieder mit dem Zarismus! Nieder mit dem Hort der Barbarei! Das wird dann Parole sein.<<


Das Elberfelder Parteiblatt am 5. August:

>>Das ganze westliche Europa hat das Lebensinteresse, den scheußlichen, mordbübischen Zarismus auszurotten. Dies Menschheitsinteresse wird aber erdrückt von der Gier der kapitalistischen Klassen Englands und Frankreichs, die Profitmöglichkeiten aufzuhalten, die bisher deutsches Kapital ausübte.<<

also für den nationalen profit gegen die gier ausländischer kapitalisten des westens!


Die >>Rheinische Zeitung<< in Köln:

>>Tut EURE PFLICHT, ihr Freunde, gleichviel, wohin euch DAS SCHICKSAL stellt! Ihr kämpft für die Kultur Europas, für die Freiheit eures Vaterlandes und euer eigenes Wohlergehen.<<


Die >>Schleswig-Holsteinische Volkszeitung<< vom 7. August schrieb:

>>Selbstverständlich leben wir in der Zeit des Kapitalismus, und ganz sicher werden wir auch nach dem großen Kriege Klassenkämpfe haben. Aber diese Klassenkämpfe werden sich abspielen in einem freieren Staate, als wir ihn heute kennen, diese Klassenkämpfe werden sich weit mehr auf ökonomische Gebiete beschränken und DIE BEHANDLUNG DER SOZIALDEMOKRATEN ALS AUSGESTOSSENE, ALS BÜRGER ZWEITER KLASSE, ALS POLITISCH RECHTLOSE WIRD IN ZUKUNFT UNMÖGLICH SEIN, wenn das russische Zarentum verschwunden ist.<<

war nach dem briester frieden, nach der niederlage russlands, europa freier oder weniger frei?

 

Am 11. August rief das Hamburger >>Echo<<:

>>Denn nicht nur haben wir den VERTEIDIGUNGSKRIEG zu führen GEGEN ENGLAND UND FRANKREICH, wir haben vor allem den Krieg zu führen gegen den Zarismus, und den führen wir MIT ALLER BEGEISTERUNG. Denn es ist ein KRIEG FÜR DIE KULTUR.<<

Und das Lübecker Parteiorgan erklärte noch am 4. September:

>>Wenn die Freiheit Europas gerettet wird, so hat Europa das, nachdem der Krieg einmal entfesselt ist, DER KRAFT DER DEUTSCHEN WAFFEN ZU DANKEN. Es ist der Todfeind aller Demokratie und aller Freiheit, gegen den unser Hauptkampf sich richtet.<<

Das theoretische Organ der Partei, >>Die Neue Zeit<<, schrieb in der Nummer vom 28. August:

>>Die Grenzbevölkerung in Väterchens Reich hat mit jubelndem Zuruf die deutschen Vortruppen begrüßt - denn was in diesen Strichen an Polen und Juden sitzt, hat den Begriff Vaterland immer nur in Gestalt von Korruption und Knute zu schmecken bekommen. Arme Teufel und WIRKLICH VATERLANDSLOSE GESELLEN, hätten diese geschundenen Untertanen des blutigen Nikolaus, selbst wenn sie die Lust dazu aufbrächten, nichts zu verteidigen als ihre Ketten, und darum leben und weben sie jetzt in dem einen Sehnen und Hoffen, daß DEUTSCHE GEWEHRKOLBEN, VON DEUTSCHEN FÄUSTEN GESCHWUNGEN, das ganze zarische System ehestens zerschmettern möchten... Ein zielklarer politischer Wille lebt auch, während sich die Donner des Weltkrieges über ihren Häuptern entladen, in der deutschen Arbeiterklasse: sich der Bundesgenossen DER ÖSTLICHEN BARBAREI im Westen zu erwehren, um zu einem EHRENVOLLEN FRIEDEN mit ihnen zu gelangen, und an die Vernichtung des Zarismus DEN LETZEN HAUCH VON ROSS UND MANN zu setzen.<<

>>Wahre Freunde erkennt man nur in der Not. Dieses alte Sprichwort wird im Augenblick zum Wahrwort. Die drangsalierten, gehudelten und gebüttelten Sozialdemokraten treten wie ein Mann auf zum SCHUTZE DER HEIMAT, und die deutschen Gewerkschaftszentralen, denen man IN PREUSSEN-DEUTSCHLAND das Leben oft so sauer machte, sie berichten übereinstimmend, daß ihre besten Leute sich bei der Fahne befinden. Sogar Unternehmerblätter vom Schlage des Generalanzeiger melden diese Tatsache und bemerken dazu, sie seien überzeugt, daß 'diese Leute' ihre Pflicht erfüllen werden wie andere, und daß dort, wo sie stehen, die Hiebe vielleicht am dichtesten fallen werden.

Wir aber sind der Überzeugung, daß unsere geschulten Gewerkschafter noch mehr können als 'dreinhauen'. Mit den modernen Massenheeren ist das Kriegführen für die Generale nicht etwa leichter geworden, das moderne Infanteriegeschoß, mit dem man beinahe bis auf 3.000 Meter, sicher aber bis auf 2.000 Meter noch 'Treffer' erzielen kann, macht es den Heerführern ganz unmöglich, große Truppenverbände in geschlossener Marschkolonne vorwärts zu bringen. Da muß vorzeitig 'auseinandergezogen' werden, und dieses Auseinanderziehen erfordert wieder eine viel größere Zahl von Patrouillen und eine solche Disziplin und Klarheit des Blickes nicht nur bei den Abteilungen, sondern auch beim einzelnen Mann, daß sich in diesem Kriege wirklich zeigen wird, WIE ERZIEHERISCH DIE GEWERKSCHAFTEN GEWIRKT HABEN und wie gut man sich auf diese Erziehung in so schlimmen Tagen wie den jetzigen verlassen kann. Der russische und der französische Soldat mögen Wunder an Tapferkeit vollbringen, IN DER KÜHLEN RUHIGEN ÜBERLEGUNG WIRD IHNEN DER DEUTSCHE GEWERKSCHAFTER ÜBER SEIN. Wozu noch kommt, daß die organisierten Leute oft in den Grenzgebieten Weg und Steg wie ihre Hosentasche kennen daß manche GEWERKSCHAFTSBEAMTE auch über Sprachkenntnisse verfügen usw. Wenn es also anno 1866 hieß, der Vormarsch der preußischen Truppen sei ein Sieg des Schulmeisters gewesen, so wird man diesmal von einem SIEG DES GEWERKSCHAFTSBEAMTEN reden können.<< (>>Frankfurter Volksstimme<< vom 18. August 1914.)

 

Das theoretische Organ der Partei, >>Die Neue Zeit<< (Nr. 23 vom 25. September 1914), erklärte:

>>Solange die Frage bloß lautet ob Sieg oder Niederlage, drängt sie ALLE ANDEREN FRAGEN ZURÜCK, sogar die NACH ZWECK DES KRIEGES. Also erst recht ALLE UNTERSCHIEDE DER PARTEIEN, KLASSEN UND NATIONEN innerhalb des Heeres und der Bevölkerung.<<

friedrich merz hätte gejubelt für soviel abendländischer kultur.

in ihrer juniusbroschüre widerlegt luxemburg das märchen vom verteidigungskrieg und zeigt, dass die arbeiterbewegung diese widerlegung schon vor dem 4. august kannte.

die sozialdemokratie ist ein stinkender leichnam!