Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

140 arbeiterbewegung

 kommentar: 140 jahre deutsche arbeiterbewegung - kein grund zum feiern!


"Nicht zählen wir den Feind,

Nicht die Gefahren alle!

Der Bahn, der kühnen folgen wir,

Die uns geführt Lasalle!"

(refrain der deutschen arbeiter-marseillaise)


an diesem wochenede (23.05.2003) jährt sich zum 140 mal der tag der gründung des allgemeinen deutschen arbeitervereins (adav). dieser jahrestag gilt allgemein als gründungstag der spd. und abgesehen von seinem vorläufer in der `48 revolution (arbeiterverbrüderung / born) ist es auch nicht verkehrt, diesen tag als gründungstag der organisierten deutschen arbeiterbewegung zu betrachten. denn die entstehung der spd geht hand in hand mit der schaffung des deutschen nationalstaats.

folgerichtig feiert an diesem tag nicht nur die spd, sondern auch einige linke gruppen/parteien, die sich in der tradition der deutschen arbeiterbewegung sehen. denn für diese linken gruppen ist klar, dass diese arbeiterbewegung bis zum august 1914, also der zustimmung der sozialdemokratischen reichstagsfraktion zum 1. weltkrieg, eine revolutionäre marxistische bewegung war. am 04. august 1914 verraten die führer diese revolutionäre bewegung und ab hier spaltet sie sich in gut und böse...

bei dieser art von geschichtsbetrachtung fällt das konkrete historische gesicht der damaligen arbeiterbewegung unter den tisch. es handelte sich nicht um lohnarbeiter, die "nichts zu verlieren hatten als ihre ketten" und für eine internationale proletarische revolution standen. vielmehr waren es arbeiter und handwerksgesellen, die keine proletarier sein wollten. dies im rückwärtsgewanten mittelalterlich-ständischen sinne. so war es auch nicht die partei, die ursprünglich die größte anziehungskraft auf sie hatte, sondern die arbeiterbildungsvereine. "Bildung und Sparen" hiess hier die devise, sprich sozialer aufstieg und eingliederung in die gesellschaft, "mehr verdienen, weiterbilden, unabhängig sein, ein Häuschen mit Land, eine Wohnung, am liebsten eine kleine Wirtschaft mit Acker und Obstgarten, einen kleinen Bauernhof kaufen oder frei ein Handwerk ausüben" - dies waren ihre ziele (vergl. h. grebing, geschichte d. deutschen arbeiterbewegung).

"die arbeiter haben kein vaterland. man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben." diese richtige feststellung über den modernen lohnarbeiter, die marx und engels bereits 1848 im manifest ausführten, galt im bezug auf die zünftige deutsche arbeiterbewegung nicht. sie definierte sich als arbeiterstand und kämpfte für die erringung neuen sozialprestiges im rahmen von preussen-deutschland. kein zufall, dass gerade lassalle ihr grösstes idol war.

diese arbeiterbewegung brauchte 1914 nicht "verraten" werden, um in den ersten weltkrieg zu ziehen. oder um es noch deutlicher zu formulieren: vom standpunkt des kommunismus aus hätte man diese arbeiterbewegung damals "verraten" müssen!

dabei ist es egal, auf welchen flügel man sich in ihrer geschichte bezieht. ob die lassalleaner oder bebels und liebknechts eisensacher, ob auf das gothaer programm oder das vermeintlich marxistische erfurter programm,- die probleme von damals sind nicht mehr die von heute. die alten traditionen haben keine zukunft!

2003