Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

ehe oder familie?

in deutschland steht familie ganz oben in der politischen, moralischen und sozialen werteskala. die politische förderung von familien erscheint nicht nur als lösung eines herbeigeredeten "demographischen problems". auch alle sozialen und gesellschaftlichen probleme liessen sich durch familienpolitik besser lösen. selbst die individuen könnten mit heiraten und kinderkriegen ihre lebenskrisen überwinden. dabei wird in der brd unter familie bisher nicht nur den nachwuchs grossziehen verstanden. familie wird in diesem land nach wie vor mit ehe gleichgesetzt.

ein beispiel

so lamentierte am 12.1. in einem kommentar auf der ersten seite die faz über sinkende geburtenzahlen. der kommentator beschwert sich über die forderung, familie und beruf zu vereinbaren, indem man eltern ausserhäusliche unterstützungen zur kinderbetreuung und erziehung bietet.

"Die Konsequenz (aus den sinkenden geburtenzahlen) lautete nicht etwa, der Familie den Freiraum zu schaffen, den sie braucht, um den Wunsch nach Kindern zu erfüllen. Sondern im Gegenteil, die Familie wurde noch zusätzlich vor die Aufgabe gestellt, einen Haushalt zu organisieren, in dem beide Eltern erwerbstätig sind.

Seit jener Zeit firmiert die angebliche Lösung eines Demographie-Problems unter dem Etikett "Vereinbarkeit von Beruf und Familie", und das Mittel soll die außerhäusliche, weitgehend staatliche Betreuung der Kinder sein. Müttern und Vätern, die sich dagegen wehren, droht bis heute der Vorwurf, sie vergötterten ein vormodernes Familien-, Männer- und Frauenideal."

wie selbstverständlich geht der kommentar von zwei elternteilen aus (natürlich verschieden geschlechts, oder?), von denen nur einer arbeiten soll (wer wohl?). er meint, man sollte das geld lieber in die förderung von stabilen zwei-eltern-familien stecken, anstatt es in gesellschaftliche erziehung zu investieren. er setzt der scheinbar falschen schaffung von kinderkrippen, vorschulen, ganztagsschulen und betriebstagesstätten die finanzielle förderung der ehe entgegen.

in der brd wird mehr geld für famlienpolitik ausgegeben als in frankreich. trotzdem bekommt man in frankreich wesentlich mehr kinder als in deutschland. und sonderbarerweise bestand das leitbild der deutschen familienpolitik genau in dem ideal, das obiger kommentar beschwört. gute familie sei nur da, wo eine ordnungsgemäße ehe geführt wird, in der ein teil fürs geldanschaffen zuständig ist und der andere für die erziehung.

solche deutsche besonderheiten wie das ehegattensplitting oder die freistellung der nicht berufstätigen ehepartner in der krankenverischerung wie weitere soziale privilegien der - einmalig in bürgerlichen nationen - verfassungsmässig geschützten ehe waren die folgen dieser familienvorstellung.

familienpolitik in frankreich

übereifrig im kampf für die familie unterlief dieser konservativen zeitung nun ein kleiner fehler. in der printausgabe vom 15.1. erschien ein artikel über familienpolitik in frankreich unter der überschrift: "Neunzig Milliarden Euro für die Familienförderung" . die gewollte aussage dieses artikels ist eindeutig: frankreich tut mehr für seine familien und deshalb bekommen die frauen in frankreich auch mehr kinder. dabei vergisst er eine kleinigkeit, die gerade ein vergleich der französischen mit der deutschen familienpolitik deutlich macht.

der faz-artikel spricht von "aktiver Familienpolitik" seit de Gaulle mit dem ziel, die geburtenrate zu erhöhen. ergebnis dieser politik: "Mit der Geburtenrate von 1.9. Kindern pro Frau nehmen die französischen Frauen im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz ein."

obwohl der artikel versucht, den eindruck zu erwecken, das merkmal dieser aktiven familienpolitik bestehe vor allem darin, dass der staat besonders viel geld ausgebe fürs kinderkriegen, kann er doch die besonderen unterschiede zur deutschen familienpolitik nicht verhehlen.

  • in frankreich gibt es erst ab dem zweiten kind kindergeld. ein-kinderhaushalte werden nicht - wie in deutschland - bezuschusst. ehen werden also erst gefördert, wenn sie mindestens so viel menschen grossziehen wie die anzahl der eltern.
  • in frankreich macht man einen unterschied zwischen familien, die sich kinder leisten können, und familien, die sich keine leisten können. eine einmalige prämie von 800 euro pro kind bekommen nur 80% der familien, weil die oberen einkommensklassen ausgenommen sind. "Dazu kommen für die unteren Einkommensklassen Zusatzzahlungen in Höhe von monatlich 165,22 Euro pro Kind."
  • in frankreich legt man wert darauf, dass mütter berufstätig bleiben. so existiert ein genauso hoher zuschuss für hausangestellte. der mutterschaftsurlaub ist doppelt so lang wie in deutschland. die ecoles maternelles (mütterliche schulen) besuchen 99% aller kinder ab dem dritten lebensjahr und 40% der zweijährigen. die konservative regierung raffarin will den ausbau von kinderkrippen mit 200 millionen euro fördern, bis 2007 sollen 20000 neue krippenplätze entstehen, die gründung von privaten krippen wird steuerlich begünstigt. ergebnis dieser politik: "Die Erwerbsquote bei Müttern mit zwei Kindern liegt bei 75%, bei Müttern mit drei Kindern beträgt sie 40%."
  • das schulsystem ist landesweit einheitlich im gegensatz zum föderalistischen deutschland. die frühkindliche betreuung geniesst hohe wertschätzung. "Die Kinder werden von ausgebildeten Lehrkräften ('instituteurs') betreut, die wie Oberschullehrer dem staatlichen Erziehungswesen angehören. Zusätzlich beschäftigen die Kommunen Hilfskräfte, die den Lehrern zur Betreuuung der Kinder zur Seite stehen." in deutschland sind die kommunen allein gelassen mit der vorschulischen bildung. erzieher/innen stehen in ausbildung und bezahlung weit unter lehrer/innen, vor allem unter den gymnasiallehrer/innen für die besserverdienenden.

unterschiedliche gesellschaftliche werte

in dem faz artikel wird kein vergleich mit deutschland vorgenommen. aber die verwunderung der autorin über das gesellschaftliche klima in frankreich spricht doch bände bzgl. des deutschen familienverständnisses. "In Frankreich wird die Frage, ob die Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Gebärfreudigkeit der Frauen erhöht, nicht diskutiert." der "Anspruch auf eine Fortsetzung des Berufslebens auch als Mutter" gilt als selbstverständlich. in der brd dagegen versucht die rot-grüne regierung mit grossem aufwand gerade eine trendwende durchzusetzen. bisherige familienpolitik hatte immer das "ideal" der hausfrauenmutter vor augen. wenn die mutter aber berufstätig ist, wer übernimmt dann die erziehung?

"Eine Betreuung der Kinder durch andere Personen als die Mutter wird in der öffentlichen Debatte keiner kritischen Prüfung unterzogen." mit empörtem erstaunen stellt der faz-artikel diese tatsache fest. das widerspricht allen konservativen werten dieser zeitung. wie kann da heimatgefühl, wie mutterliebe, christlicher lebenssinn aufkommen, wenn erziehung durch hausangestellte und staatliche schulen (für kleinkinder heissen sie mütterlich) genauso viel zählen wie die doch unersetzbare leibliche mutter? in deutschland wollen viele eltern ihre kinder dem öffentlichen erziehungswesen möglichst spät ausliefern. (was zusammenhängt mit der qualität des öffentlichen erzeihungswesens.) in frankreich ist es sogar für konservative regierungen normal, die gesellschaftliche erziehung für kleinkinder auszubauen, weil es die bevölkerung so will. "Viele Eltern wollen ihre Kinder schon ab dem zweiten Lebensjahr in die Obhut der 'Ecoles maternelles' geben."

während man in deutschland von der nichtberufstätigen mutter und der häuslichen erziehung nicht nur träumt, sondern beides auch massiv finanziell fördert, betreibt man in frankreich genau das gegenteil. um die von den müttern geforderte berufstätigkeit zu ermöglichen, weitet man die gesellschaftlichen angebote zur erziehung des nachwuches aus. je früher und je mehr kinder in gesellschaftlichen einrichtungen unterkommen, desto besser - das ist der gesellschaftliche konsens jenseits des rheins!

der entscheidende unterschied

in der brd wollen also nicht nur die konservativen die private erziehung, indem man die frauen vom berufsleben ausschliesst. familie heisst hier ehe. in frankreich dagegen ist schon verwirklicht, wovon die bundesregierung noch träumt: familie ist da, wo kinder sind. die erkenntnis der familienministerin, dass die familie den staat bräuchte, steht dem deutschen familienideal entgegen. nichtsdestotrotz zeigt ein vergleich der familienpolitik in deutschland und frankreich, dass die kapitalistische entwicklung gesellschaftliche erziehung notwendig macht und dass ein moderner bürgerlicher staat wie in frankreich zumindest versucht, dieser notwenigkeit gerecht zu werden, während der deutsche staat noch biedermeierlichen idealen frönt.

als produkt der deutschen kultur kann sich renate schmidt gesellschaftliche erziehung nur als staatliche vorstellen. dass gesellschaftliche erziehung nicht notwendig staatlich sein muss, ist ein anderes thema. diese frage ist in deutschland noch gar nicht aktuell. hier geht es noch um den abschied von unmodernen vorstellungen!

2005