Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

 8. mai, der anfang der befreiung!

es war ein langer und mühsamer weg, bis das offizielle, öffentliche und veröffentlichte deutschland bereit war, den tag der kapitulation der deutschen regierung, der endgültigen niederlage der deutschen wehrmacht, des endes des nationalsozialistischen staates als tag der befreiung anzuerkennen. dieser weg ist auch noch nicht beendet. nach wie vor erheben sich stimmen, die von einer "befreiunglüge" schwadronieren. nach wie vor äusseren politiker in diesem land verständnis für die verdrängung und lügen der nachkriegszeit. nach wie vor werden die kosten des von deutschland vom zaun gebrochenen krieges, die auf die deutschen zurückschlugen (bombadierungen, vertreibungen), aufgerechnet gegen die leiden und opfer der von deutschland überfallenen, ausgeplünderten und vernichteten menschen. doch es besteht die starke hoffnung, dass der bisher zurückgelegte weg in der verurteilung des nationalsozialismus nicht mehr zurückgedreht werden kann. vor allem jugendliche in diesem land verhinderten sowohl am ersten wie am achten mai, dass die neunazis ihre propaganda ungestört verbreiten konnten. dass die npd am achten mai ihren gespensterumzug in berlin nicht durchführen konnte, verdanken wir zwar nicht dem offiziellen deutschland, aber einer neuen, noch im entstehen begriffenen bewegung vor allem junger menschen. solange die selbstorganisierten kräfte stark genug sind, die geschichtslügner und propagandisten einer reaktionären verheissung selbständig zurückzudrängen und man nicht nach dem starken staat rufen muss, der so oft eine verhängnisvolle rolle in der geschichte deutschlands spielte, so lange besteht hoffnung auf eine bessere zukunft.

doch darf man sich mit dem erreichten nicht zufrieden geben. wird auch der achte mai inzwischen offiziell als tag der befreiung gefeiert, so ist doch in der öffentlichen diskussion nach wie vor sehr unklar, von was deutschland damals befreit wurde, wie diese grosse errungenschaft gesichert und ausgebaut wurde und in welche richtung die nächsten schritte der befreiung zu gehen sind.

am achten mai 1945 endete der grausamste krieg, den die menschheit bisher erlebt hatte. am achten mai endete die ausplünderung der europäischen nationen durch die deutschen. am achten mai endete die deutsche wehrmacht, diese moderne wiederauferstehung der landsknechtsheere aus zeiten des dreissigjährigen krieges. am achten mai endete die nationalsozialistische diktatur und volksgemeinschaft. am achten mai endete die vernichtung von menschen aus rassistischem überlegenheitsdünkel. dieses ende erreichten die deutschen nicht selbst. im gegenteil. selbst als jedem klar sein musste, dass dieser krieg nicht zu gewinnen war, selbst als hitler schon tot und die anderen übermenschen des nationalsozialismus beerdigt oder geflohen waren, kämpfte ein grosser teil der bevölkerung tagelang weiter. wie selbst der bundeskanzler in einem beitrag für die sz vom wochenende einerseits zerknirscht und andererseits voller verständnis eingesteht, empfand die überwiegende mehrheit der deutschen die befreiung als niederlage. welcher entwicklung ist es also zu danken, dass die nationalsozialistische ideologie nicht nochmal bei den resignierten, besiegten und uneinsichtigen deutschen wieder die überhand gewann?

als erste ursache dieser für deutschland glücklichen entwicklung ist das ende preussens als gesellschaftliche macht zu nennen. nicht nur, dass 1947 preussen als land von den alliierten aufgelöst wurde. durch die niederlage der wehrmacht und ihre vollständige auflösung ging die militärmacht des preussischen adels (junker) unter. durch die westverschiebung polens verlor deutschland schlesien, pommern, ost- und westpreussen an polen (und teilweise die sowjetunion). damit ging der grossteil des historischen preussens für deutschland verloren. dieser verlust war der grösste glücksfall für beide deutsche staaten. denn damit verschwand der letzte rest von feudaler herrschaft, der den bisherigen verlauf der deutschen geschichte entscheidend geprägt hatte. der letzte stoss gegen diese feudale kaste war dann die bodenreform in der ddr unter der parole "junkerland in bauernhand". auch wenn generell in der staatssozialistischen ddr noch weniger fortschritt zu erblicken war als in westdeutschland, war die enteignung der vorbürgerlichen junkerklasse eine nicht mehr wegzudenkende historische errungenschaft.

hier endete die soziale basis des preussischen adels in seinen kernlanden mecklenburg-vorpommern und brandenburg.

doch damit ist preussen noch nicht ganz tod. sein einfluss in der deutschen geschichte war zu tief, um nicht grundlegende rückstände in der deutschen mentalität zu hinterlassen. zu nennen sind hier vor allem: der deutsche untertanengeist und aberglaube an den starken staat sowie die völkische definition von nation in abgrenzung zur französischen revolution. diese mächtigen reste des "deutschen geistes" überlebten auch durch die bundesrepublikanische verehrung des konservativen widerstandes gegen den nationalsozialismus. insbesondere der 20. juli wurde als staatsfeiertag begangen, um die unseligen traditionen der deutschen geschichte vom nationalsozialismus reinzuwaschen. die reaktionären und feudalen ziele dieses junkeraufstandes werden zumeist unter den tisch gekehrt ("junker" war die klasse preussisch-feudaler grossgrundbesitzer).

erst die bewegung von 1968 konnte diese traditionen massiv zurückdrängen. und erst die reformen des sozialstaats und staatsbürgerschaftsrechts unter rot-grün greifen die grundlagen dieses "deutschen geistes" - wenn auch immer noch sehr zaghaft - an.

doch preussen, sein einfluss auf die deutsche geschichte und seine landjunker in bürokratie und militär waren nicht der nationalsozialismus. obwohl sein mächtigster steigbügelhalter und innenpolitischer verbündeter, gründete die nationalsozialsitische volksgemeinschaft auf anderen gesellschaftlichen bewegungen. vor allem der deutsche mittelstand bildete die soziale bewegung des deutschen faschismus. auch diese hauptstütze des nationalsozialismus wurde nach dem krieg nicht bewusst zur rechenschaft gezogen. es war der ausserordentliche aufschwung des kapitalismus in deutschland in den fünfziger und sechziger jahren des vorigen jahrhunderts, der die ökonomische stellung dieser vorkapitalistischen sozialen schicht untergrub. auch das war keine bewusste tat der bevölkerung und politik. im gegenteil, man versuchte ähnlich wie bei preussens untergang zu retten, was zu retten war in der spezifisch deutschen form "sozialer marktwirtschaft". erst seit der deutschen einheit gerät dieser "deutsche weg" ins wanken und erst seit rot-grün an der macht ist werden zentrale privilegien des deutschen mittelstandes "reformiert" (z.b. meisterzwang, kassenärzte).

zwei soziale stützen des nationalsozialismus wurden also nicht willentlich durch die politik in der brd untergraben. ihre entmachtung verdankt dieses land dem wirken "höherer mächte" meist gegen seinen willen. selbst tätig wurden die deutschen gegen die furchtbaren traditionen ihrer geschichte erst mit der jugend- und studentenbewegung von 1968, deren nachkommen inzwischen die regierung stellen. doch das wirken dieser generation zeichnet sich vor allem durch zögerliche halbheit aus. insofern ist die feier des 8. mai auch ein auftrag, die befreiung von den deutschen traditionen, die zum nationalsozialismus führten, aktiv weiter zu führen.

doch wäre diese befreiung vollendet, wäre die vollendung der befreiung der gesellschaft von krieg, sozialem elend und staat noch nicht vollbracht. gerade die erben der 68er bewegung wie fischer und schröder, die heute die regierung der brd stellen und nur halb - aber immerhin - gegen die deutschen traditionen vorgehen, führen soldaten dieses landes wieder in kriege, bauen parallel zum abbau des sozialstaats den sicherheitsstaat aus (schily, der ehemalige raf-anwalt) und vergrössern durch ihre politik das soziale elend. die entwicklung des kapitalismus untergräbt zwar die wurzeln des nationalsozialismus und ihre politischen vertreter versuchen auch, den neunazis politisch entgegen zu treten. doch der kapitalismus schafft neue probleme, denen die verteter des offiziellen antifaschismus nicht entgegen treten können oder wollen. stattdessen versuchen sie durch verbesserung der bedingungen des kapitalistischen geschäftemachens den problemen herr zu werden. um diese probleme wie umweltzerstörung, arbeitslosigkeit, verarmung und rechtspopulismus überwinden zu können, kann man sich nicht auf die hilfe des deutschen staates verlassen und muss man den horizont des antifaschismus überschreiten, indem man perspektiven für einen kommunismus ohne staat und partei entwickelt. hier liegen die nächsten schritte zur befreiung von staatlicher und sozialer gewalt, die weder der regierungs- noch der bewegungsantifaschismus gehen kann.

mai 2005

quellen: gerhard schröder "Wir stehen erst am Ende einer langen Nachkriegszeit", robert probst "Ein Zivilisationsbruch ohnegleichen", heribert prantl, "Die Flucht vor der Geschichte" alle in sz vom 7./8.5.05