Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

zum sechzigsten mal 20.juli - ein trauriges fest

vor sechzig jahren, als jedem deutlich war, dass der zweite weltkrieg für nazideutschland verloren war, versuchten konservative offiziere einen staatsstreich. in ihrem umkreis bewegten sich vertreter beider christlichen glaubensrichtungen, viel preußischer adel/ junker, ein paar bürgerliche, gewerkschaftler und sozialdemokraten. dieser jahrestag wird in der brd, wie alle jahre, mit grossem pomp gefeiert. alle staatsinstanzen tun ihr bestes für das gedenken dieser konservativen revolte. alle einzelheiten werden erörtert und dabei wird auch nicht der reaktionäre charakter der bestrebungen der attentäter und ihrer sympatisanten übersehen. die historische forschung erarbeitete vor allem anhand der zukunftsentwürfe der widerständler deren gesellschaftsbild: militaristisch, mit platz für antisemiten, ständisch, antidemokratisch, antiparlamentarisch und tendenziell monarchistisch. als leitbild schimmert die goldene zeit des deutschen kaiserreichs durch.

doch trotz aller informationsveranstaltungen stellt sich keiner die frage, warum eine der wirtschaftlich fortgeschrittensten kapitalistischen gesellschaften der welt das andenken eines rückwärtsgewandten staatsstreichs zu ihrem informellen staatstrauertag macht! dabei ist die antwort so offensichtlich:

denn trotz des untergangs der junkerkaste haben sich verschiedene traditionen preußen-deutschlands erhalten, welche heute noch teil der bürgerlichen gesellschaft sind. diese traditionen sind vor allem zweierlei: einmal die im grundgesetz fixierte reaktionäre dreiheit von familie, volk und staat als grundlage und kern der bürgerlichen gesellschaftsordnung. und zum zweiten die in der tradition der preußisch-deutschen schule der nationalökonomie stehende form des kapitalismus dem organisierten kapitalismus, dem "rheinischen Kapitalismus". es ist diese junkerliche tradition vom staat als organisator von ökonomie und gesellschaft, welche auch heute noch mit diesem vermächtnis des 20.Juli gefeiert wird.

man feiert sozusagen die vordenker und vorkämpfer der eigenen gesellschaft, und das zum 60-sten jahrestag mit um so mehr aufhebens, desto mehr die grundstrukturen dieser ständisch gesellschaft mit der "globalisierung" in widerstreit geraten, quasi als romantisches andenken.

das ist die traurige bilanz der bürgerlichen gesellschaft in deutschland.

1848 eine gescheiterte revolution, 1871 die einheit des nationalen marktes mit völkischer ideologie durch den preussischen militärstiefel; ein absolutistischer ständestaat mit einem herrschenden adel, der bei bedrohung seiner herrschaft den ersten weltkrieg losbricht, an dessen ende die sozialdemokratie (im bündnis mit dem adel) die konsequente durchsetzung der bürgerlichen revolution abwürgt. heraus kommt dabei eine halb-und halb-demokratie, die von den vom kapitalismus bedrohten mittelständen legal gesürtzt wird und eine volksgemeinschaft, die bis zum bitteren ende den krieg führt, mit dem die geschichte um jahrhunderte zurück gedreht werden sollte.

erst diese niederlage, in deren gefolge dem halbfeudalen adel durch die bodenreform der garaus gemacht wird, eröffnet den weg einer entwicklung des kapitalismus. die mehrheit der deutschen kann man auf diesen weg nur durch bisher ungeahnte wohlstandsteigerung und ständische kompromisse an allen ecken und enden mitnehmen. zu guter letzt die bürgerliche revolution 1989 in der ddr, in deren elan leider nicht liegt, auch die vorkapitalistischen strukturen der brd zu beseitigen (wie z.b. durch eine neue verfassung statt der übernahme des grundgesetzes). so stellte sich der diesmal hoffnungsfrohe 9. november als eine spezifisch deutsche bürgerliche revolution heraus, diesmal eine revolution in die soziale marktwirtschaft, die seitdem an der aufgabe laboriert, den ständischen kompromiss zwischen kapital und arbeit auf die neuen länder auszudehnen.

an diese abfolge der gescheiterten und halben revolutionen mitsamt ihren unheilvollen folgen gedenkt man, wenn man den 20.juli als heldentat feiert - ein trauriges fest. es ist an der zeit, mit diesen gespenstern einer unrühmlichen deutschen vergangenheit endlich schluss zu machen!

2004